Römische Religion
©Hannelore Goos 2025

Um die römische Religion zu verstehen, muss man die tatsächliche Entstehungsgeschichte der Stadt berücksichtigen, die insbesondere durch Ausgrabungen und archäologische Forschungen der letzten Jahrzehnte aufgedeckt wurde:
Die „Römer“ sind kein Volk im ethnischen Sinn. Sie entstanden als multikulturelles Gemisch von Menschen italischen, griechischen und phönizischen Ursprungs. Dort, wo die spätere Stadt lag, befand sich eine viel begangene Furt durch den Tiber, eine wichtige Etappe auf dem Weg vom Meer nach Mittelitalien, insbesondere für Salzkarawanen. Da der Untergrund sumpfig war, gab es dauerhafte Siedlungen nur auf den Kuppen der Hügel rundum.
Diese Hügeldörfer wurden von Menschen unterschiedlicher Stammeszugehörigkeit bewohnt, auf dem Palatin sollen es Latiner und auf den Hügeln Esquilin, Viminal und Quirinal Sabiner gewesen sein. Es wird vermutet, dass es auch Siedlungen der zu den Oskern gehörenden Lulaner und Hirpiner gegeben hat, denn das Totemtier dieser Stämme soll der Wolf gewesen sein, der im später erdichteten Gründungsmythos der Stadt eine wichtige Rolle spielt. Der Kapitol soll von mehreren Dörfern als Begräbnisstätte genutzt worden sein.
Jedes dieser Völker brachte seine Gottheiten mit und alle zusammen bildeten den römischen Götterhimmel.
Archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass die Hügeldörfer, aus denen später die Stadt Rom entstand, bereits seit der Bronzezeit bestanden, die für Italien bis etwa 1200 v. Chr. datiert wird. Die Gründung der griechischen Städte in Italien lag zwischen 850 und 600 v. Chr., also viel später. Also ist völlig unwahrscheinlich, dass die italischen Völker ihre Götter von den Bewohnern griechischer Kolonialstädte übernommen haben, wie noch in manchen Quellen behauptet wird.
Die Quellenlage zur tatsächlichen römischen Religion ist schlecht. Römer lebten ihre Religion, da brauchte niemand etwas aufzuschreiben. So gibt es nur wenige Originaltexte. Die wichtigsten sind die beiden Abhandlungen von Cicero „Vom Wesen der Götter“ (De natura deorum) und „Über die Weissagung“ (de divinatione). Das Originalwerk "Antiquitates rerum humanarum et divinarum" (Altertümer menschlicher und göttlicher Einrichtungen) des römischen Schriftsteller Terentius Varro (116–27 v. Chr.) ist nicht mehr erhalten; es wurde aus (negativen) Zitaten des Kirchenvaters Augustinus "rekonstruiert" und gilt deshalb inzwischen als weniger verlässlich.
Varro macht eine Einteilung in die Religion der Dichter, die der Philosophen und die des Volkes. Das, was von Gustav Schwab und bis ins 20. Jahrhundert teilweise auch von Religionswissenschaftlern dargestellt wurde, ist die „Religion der Dichter“ und hat mit dem tatsächlichen römischen Götterglauben wenig zu tun.
Weitere Informationen dazu im Teil "Römische Gottheiten"
Die Religion der Römer